Redebeitrag: „Demonstration gegen Rassismus“ am 07.07.12

Am 21. November 2011 tauchten an der Berufsbildenden Schule II und am Otto-Hahn-Gymnasium Schmierereien mit faschistischen Aussagen auf. In den folgenden Wochen vermehrten sich diese Schmierereien, welche unter anderem an Häusern von Familien mit Migrationshintergrund erschienen, was offensichtlich kein Zufall war.
An den betroffenen Schulen sowie in ganz Göttingen erregten diese Ereignisse Aufsehen und es wurden Diskussionen über den Umgang mit Rassismus angeregt. Doch nach kurzzeitiger Empörung verschwand auch das Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus.

Doch Rassismus ist in Schulen nach wie vor präsent: Kritzeleien rechter Symbolik wie Hakenkreuze, „88″ oder auch Parolen wie „Viva Franco“ prägen das Gesicht der Schulbänke und -toiletten. Meist wird dies jedoch als Dummheit Einzelner oder als Spaß relativiert.
Ein häufiges Verhalten der Schulen ist es, die betroffenen Stellen unkommentiert zu säubern oder zu erneuern. Wer viel von sich hält, stellt Antirassismus-Kampagnen zur Imagepolierung auf die Beine. Beispielsweise werden sogenannte „Kulturtage“ organisiert, an denen jede Klasse einen Raum zum Thema eines Landes gestalten muss.
Diese Art der Auseinandersetzung besitzt jedoch in keinster Weise einen antirassistischen Anspruch, sondern bringt der Schule lediglich Auszeichnungen oder ähnliches, um den Ruf zu verbessern. Nach solchen Feierlichkeiten geht der Schulalltag normal weiter und das Thema Rassismus wird wieder ausgeblendet, als Etwas, das in der Schule niemanden betrifft und nur eine Randerscheinung darstellt.

Das rassistische Gekritzel ist allerdings nicht die einzige Form von Diskriminierung in Schulen: Rassistische Sprüche, Mobbing oder sogar körperliche Gewalt gehören für viele zum Schulalltag. Auch Lehrer_Innen fallen durch rassistische Äußerungen auf.

Dass das Schulsystem komplett vom Rassismus zerfressen ist, erkennt man weiterhin daran, dass es große Unterschiede zwischen der Beurteilung und den Perspektiven von Jugendlichen mit unterschiedlicher Herkunft gibt: 59,6% aller Jugendlichen ohne Schulabschluss besitzen einen Migrationshintergrund.
Außerdem ist die Anzahl der Abiturient_Innen erschreckend klein: Sie beträgt nur kanpp 11%, wohingegen 31% der Abiturient_Innen keinen Migrationshintergrund besitzen. Desweiteren erreichen prozentual gesehen weniger Schüler_Innen mit Migrationshintergrund einen Realschulabschluss als einen Hauptschulabschluss.

Wer diese Fakten erkennt und kritisch hinterfragt, wird keineswegs dazu ermutigt, in Eigeninitiative zum Thema Antirassismus zu arbeiten, sondern wird als aufmüpfiger Störenfried abgestempelt. Die berechtigte Kritik wird von Lehrer_Innen und Mitschüler_Innen klein geredet und somit verunglimpft. Die Schüler_Innen werden oftmals bewusst diffamiert und durch Lehrkräfte bloßgestellt, was offener antifaschistischer Arbeit den Raum nimmt.
Dies bezieht sich auch auf engagierte Lehrer_Innen. Während oft unberücksichtigt rechtsgesinnte Lehrer_Innen unterrichten und somit Einfluss auf die Schüler_Innen nehmen können, um ihr faschistisches Gedankengut zu verbreiten, werden Lehrer_Innen, die sich offenkundig antifaschistisch oder in linken Parteien engagieren, mit Berufsverboten mundtot gemacht. In vielen Fällen reichen schon total absurde Gründe für ein solches Verbot.

Durch diese beschriebenen Mechanismen und repressiven Verhaltensweisen wird insbesondere jungen Menschen die Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus erschwert. So kann sich kein Bewusstsein entwickeln, welches den Rassismus als ein ganzgesellschaftliches Problem begreift. Daraus resultiert, dass Rassismus verharmlost wird und er sich so im Alltag etablieren kann.
Wenn er dann, wie im Fall der Schmierereien, sehr offensiv in Erscheinung tritt, führt dies zu Empörung und Unverständnis, doch hierbei wird vergessen, dass Rassismus vorallem durch mangelnde Berücksichtigung in der Gesellschaft verankert ist.
Die Ausgrenzung aufgrund äußerlicher Merkmale und unterschiedlicher Herkunft ist allerdings nicht die einzige Form der Diskriminierung an Schulen. Auch der Umgang mit Sexismus, Homophobie, Nationalismus und der Benachteiligung aufgrund des sozialen Standes wird gesamtsgesellschaftlich vernachlässigt.
Diese Situation sorgt dafür, dass sich die Gesellschaft in eine Richtung bewegt, in der niemand von uns leben will und leben kann!

Deshalb fordern wir:
Eine intensive Auseinandersetzung mit allen Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmechanismen in der gesamten Gesellschaft!
Die Förderung kritischen Denkens in Schulen!
Die Aufhebung des Berufsverbots für aktive Antifaschist_Innen und den Stopp jeglicher Form von Repression gegen antifaschistische Arbeit!

Rassist_Innen stoppen – Auf allen Ebenen! Mit allen Mitteln!
Gegen jeden Alltagsrassismus!
Für aktiven Antifaschismus!

J.A.G.